6LACK ist frei – und das nicht nur vom Label

Urbane, melancholische Musik hat einen neuen Namen – und nein, diesmal kommt sie nicht aus Kanada. Die Rede ist nicht von einem neuen Drake-Album und auch nicht von einem neuen The Weeknd-Album. Die Rede ist von 6LACK. Mein neuer Stern am Musik-Himmel kommt aus Atlanta, Georgia. Der Klang seiner Musik ist aber erstmal so gar nicht das, was man von einem 24-jährigen Schwarzen mit kurzen Dreadlocks und Bandana um den Kopf erwartet. Metro Boomin‘ und der Rest der 808 Mafia dominieren zusammen mit Young Thug & Co aktuell das Rap-Game und definieren den Klang der Südstaaten, wenn nicht sogar einer ganzen Musik-Ära. 6LACK lässt sich da schwer einordnen.

6LACK kam, sang und siegte

Es ist schwierig zu sagen, er sei Rapper. Ja, er rappt, aber die meiste Zeit ist es doch melodisch und es klingt fast wie Gesang. Diese Art von Vocals erinnern an Drake, die Inhalte seiner Songs zu großen Teilen auch. Es geht immer wieder um Frauen, die Liebe und die typischen Probleme eines jungen Mannes mit dieser Thematik und dennoch klingt es anders als bei all den anderen, die sich musikalisch zu diesem Thema entfaltet haben. Ich bin beim Surfen auf seinen Track „PRBLMS“ gestoßen und wurde mitgerissen – aber überzeug‘ dich selbst:

6LACK – PRBLMS

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„Free 6LACK“ – Der mit dem Bär tanzt

Das Video war für mich der perfekte Einstieg in das, was sein aktuelles Projekt „Free 6LACK“ bietet. Eine überzeugende Auswahl an Beats, die richtige Mischung aus gutem Rap und Gesang – sowohl technisch als auch inhaltlich – und die daraus resultierende düstere Atmosphäre. Das Album war mit dem Release Mitte November einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Erst „PRBLMS“, dann „Never Know“, „Worst Luck“ und „Ex Calling“. Ich war überzeugt und das Album ein Muss.

Ein gutes Album hört für mich nicht mit dem letzten Lied auf – so auch hier. Nach dem Cliffhanger-Doppelsong-Outro „Alone/EA6“ wollte ich unbedingt mehr erfahren. Übrigens: Der Bär im Video zu „PRBLMS“ und auf dem Album-Cover ist kein 3D-Render. Er ist echt, war am Set für die Shootings und heißt Bam Bam.

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Wer ist eigentlich 6LACK?

Die erste Frage die ich mir nach „PRBLMS“ stellte: „Heißt er jetzt ‚Six-Lack‘ oder ‚Black‘?“ – zweitens. Die nächste Frage war: „Warum die 6, ist er auf Drakes ‚The-6-Zug‘ aufgesprungen oder Teil der OVO-Crew und ich wusste das noch nicht?“ – weder noch. Ob die „6“ nur ein Stilmittel ist oder nur Verwechslungen mit dem Sänger „Black“ vorbeugen soll oder doch nur die Assoziation zur „Zone 6“ in Atlanta ist kann ich nicht sagen, aber mehr wie Ähnlichkeiten zu Drake gibt es (noch) nicht.

Ricardo Valdez Valentine, so sein bürgerlicher Name, hat bis dato das typische Rapper-Vorleben geführt: Schulabbruch, Fokus auf die Musik, fast gescheitert und dann doch irgendwie auf dem Weg nach oben. Hinter diesem „irgendwie“ verbirgt sich allerdings eine erzählenswerte Geschichte, die den jungen Künstler doch sehr geprägt hat: Freiheit vom Label. Bevor er zum Interscope-Unterlabel „LVRN“ (LoveRenaissance) gekommen ist, war er bei einem zu seiner Zeit sehr bekannten Künstler unter Vertrag (ich konnte selbst noch nicht herausfinden, wer das gewesen ist). Doch die Arbeit unter dem Label war überhaupt nicht das, was er sich vorgestellt hat. Es war immer die Rede von „Hit Records“ und wie man sie am besten landet. 6LACK dagegen wollte das veröffentlichen, was ihm gefällt und hat daraufhin drei Jahre lang Musik auf SoundCloud veröffentlicht. Als er endlich von seinem einengendem Plattenvertrag frei gekommen ist – daher der Name des Albums – kam er mit LVRN und damit auch mit Raury, über den wir auch schon berichtet haben, in Kontakt.

6LACK – Ex Calling

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Ist 6LACK die nächste große Nummer?

Ich hasse diese Frage. Warum? Weil ich mittlerweile ein Gefühl dafür entwickelt habe, was den Werdegang von talentierten Künstlern dieses Genres angeht. Um die Frage zu beantworten – ja, sein Talent ist für mich unumstritten, der Bekanntheitsgrad durch SoundCloud, YouTube und Blogs wie unseren natürlich immer größer. Und trotzdem habe ich „Angst“ vor seinem kommerziellen Erfolg. Wer am Ende vom Tag das große Geld mit seiner Musik machen will, muss die breite Masse ansprechen – darunter leidet dann der Sound. Hoffnung macht mir allerdings seine bisherige Einstellung. Dadurch dass er sich schon einmal den (kommerziellen) „Hit Records“ abgewendet hat, kann man sich ja vielleicht auf noch mehr melancholischen Südstaaten-Rap freuen.

„So hard for me to ignore ignorance“
6LACK – Alone/EA6

Bilder:
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